Die Kirchenstück Challenge -  Okt 2025

Die Kirchenstück Challenge in Fortsetzung unseres GG Events von April diesen Jahres steht vor der Tür. Sind 300€ für eine Flasche Kirchenstück das Maß aller Dinge, oder geht das für die Weine aus dieser Großen Lage auch preiswerter?

Das begleitende Menü steht. Leider spielt das Wetter im Oktober nicht mehr mit, so dass der Einsatz der Gartenküche ausfällt. Out Door ist nicht mehr, insbesondere wenn wir uns auf die Suche detaillierter, ggf kleinster Aromenunterschiede begeben wollen. 

Die beiden Spürnasen Ralf und Stefan sind zu Besuch. Die Weine stehen bereit und so kann der genussvolle Abend beginnen.

 

Das Forster Kirchenstück ist eine sehr kleine, renommierte Spitzenlage in Forst an der Weinstraße, direkt an der Kirche gelegen. Der nach Süden ausgerichtete Weinberg mit seinen vielschichtigen Böden aus Sandstein, Kalk, Lehm und vulkanischem Gestein schafft ein besonders ausgeglichenes Mikroklima. Fast ausschließlich mit Riesling bepflanzt, entstehen hier hochkomplexe, mineralisch geprägte und langlebige Weine. Die Lage ist historisch seit dem 19. Jahrhundert als eine der besten der Pfalz bekannt. 

 

8 Winzer teilen sich das Kirchenstück und versuchen das Beste aus der Lage herauszuholen. Ralf hat sich die Gegebenheiten vor Ort angeschaut, so dass wir gebrieft und voller Spannung in die Verkostung starten können.

Allgemein werden dem Kirchenstück komplexer brenzlig-mineralischer Duft mit einer zurückhaltenden Fruchtigkeit, ein dichter, ungemein fein texturierter Extrakt mit einem delikaten Säurefaden, Fülle mit Kühle, Frische mit Reifevermögen, Noblesse mit Einfachheit zugeschrieben. 

Auf den teuren Bürklin Wolf von April folgen am heutigen Abend 5 weitere Weine aus der großen Lage. Alle aus dem Jahr 2023. Nur die Weine der 3 VDP-Winzer dürfen sich GG nennen. Die beiden anderen Winzer versuchen mit Umschreibungen wie GL für Große Lage dem geschützten Begriff des VDP aus dem Weg zu gehen.

 

Die Kandidaten des heutigen Abend sind:

Bassermann-Jordan, Kirchenstück 2023, GG (109€)

Reichsrat von Buhl, Kirchenstück 2023, GG (109€)

Von Winning, Kirchenstück 2023, GG (90€) 

Eugen Müller, Kirchenstück 2023, GL (30 €) 

Forster Winzerverein, Kirchenstück 2023, GL (20€) 


Das begleitende Menü zum heutigen Tasting besteht aus 5 Gängen (Menü 335):

1. Jakobsmuschel, im Cidre-Estragon Sud gegrillt
Trockener Riesling passt hervorragend zu diesem Gang, da die Säure des Rieslings die leichte Süße der Muscheln ausgleicht und das Kräuteraroma des Estragons gut harmoniert.
Die Frische, lebhafte Säure und feinen Zitrus- oder Steinobstnoten harmonieren wunderbar mit Jakobsmuscheln. Ihr süßlich-nussiger, feiner Geschmack braucht einen Wein, der die Zartheit nicht überdeckt, sondern akzentuiert. Der Cidre gibt leichte Frucht und dezente Säure, Estragon bringt kräutrige Anisnoten. Ein Riesling trocken kann das mit seiner klaren Struktur sehr gut aufgreifen und balancieren, ohne zu wuchtig zu wirken.

2. Wassermelonen Carpaccio mit Rucola, grünen Oliven, Pinienkernen & Parmesan
Ein trockener Riesling passt sehr gut zu Carpaccio mit Rucola, Oliven, Pinienkernen und Parmesan, da seine Säure und Fruchtnoten die würzigen und salzigen Elemente des Gerichts ausbalancieren und den Geschmack des Parmesans unterstützen. Die leichte Schärfe des Rucola und die salzigen Oliven profitieren von der erfrischenden Säure eines Rieslings, während die Zitrus- und Pfirsichnoten des Weins gut mit dem Parmesan harmonieren. Da ein Wassermelonen Carpaccio einem Beef Carpaccio texturell & geschmacklich sehr nahe kommt, wird das hier auch eine wunderbare Kombination.

3. Ribollita - Toskanische Bauernsuppe
Die herzhafte, toskanische Gemüsesuppe mit Bohnen, Schwarzkohl, Brot, Olivenöl bringt recht kräftige, rustikale Aromen. Sie ist erdig, sättigend, durch den Kohl kommen dezent herbe Noten dazu und sie lebt von Olivenöl und Umami. Hier passt auf den ersten Blick ein italienischer Rotwein. Getreu dem Motto immer den Wein aus der Region, wo das Essen herkommt. 
Mit einem Riesling setzten wir hier auf einen Kontrast Wein. Ein sehr straffer, säurebetonter Riesling (z.B. Mosel Kabinett trocken) würde gegen die erdig, cremige Suppe jedoch zu spitz wirken. Ein Riesling GG aus der Pfalz passt zur rustikalen Ribollita sehr gut:

  • Körper & Substanz: Pfälzer GGs sind kräftig, haben Volumen und einen leicht cremigen Schmelz – das harmoniert mit der sämigen Konsistenz der Bohnen und dem Brot.
  • Säure: Straff genug, um das Olivenöl und die Erdigkeit des Kohls frisch zu halten, aber nicht so spitz wie z. B. an der Mosel.
  • Frucht & Würze: Gelbes Steinobst & die leicht kräutrige Aromatik nehmen die toskanischen Aromen auf, ohne zu erschlagen.

4. Beefröllchen mit Thai Spargel & Malzbiermarinade
Ein Riesling passt hier ebenfalls sehr gut, da die kräftigen Aromen des grünen Spargels sowie die herzhaften Aromen des Fleisches einen kraftvolleren Wein vertragen. Ein trockener Riesling, dessen Frische, Säure und Fruchtaromen die fettigen und pikanten Elemente des Gerichts ausgleichen sind an der Stelle perfekt. Die salzigen und umamireichen Nuancen des Fleisches werden von der Frucht und Säure des Rieslings gut umspielt. Grüner Spargel ist intensiver im Geschmack als weißer Spargel und verträgt deshalb auch einen kräftigeren Riesling.
Ein kräftiger Pfälzer Riesling GG hat genug Kraft & Körper hat, um bei dem Rind nicht unterzugehen.

5. Käseauswahl mit Pflaumen Chutney Weintrauben, süße Senf 
Da wir zur Auflockerung noch einen reifen Bordeaux, sowie einen Sauternes am Start haben, wählen wir eine Käseauswahl die für beide Weine passend ist:

  • Weideland Comté Saint Antoine Symphonie – 🇫🇷 Frankreich
  • Don Bernardo g.U. Manchego – 🇪🇸 Spanien
  • Le Rustique – 🇫🇷 Frankreich
  • St. Agur – 🇫🇷 Französischer Weichkäse mit Blauschimmel
  • Rotweinrebell – 🇦🇹 Österreichischer Schnittkäse
  • Pflaumenchutny, Süßer Senf, Weintrauben 

 

Und das Ergebnis:

Dieser Abend hat eindrucksvoll gezeigt, wie vielfältig sich eine einzelne, sehr kleine Spitzenlage interpretieren lässt. Obwohl alle fünf Rieslinge aus dem Forster Kirchenstück stammen, präsentierten sie sich stilistisch und aromatisch teils deutlich unterschiedlich. 

Damit zeigte sich klar: Neben der Herkunft prägen vor allem die individuelle Handschrift der Betriebe, Ausbauentscheidungen und Philosophie den Charakter der Weine.

In unserer Blindverkostung, die wir in aller Ruhe vor dem Essen durchführten, herrschte innerhalb der Gruppe Einigkeit über grundsätzliche Qualitätsniveaus, während sich im Detail unterschiedliche Präferenzen zeigten. Genau diese Bandbreite an Eindrücken machte den Reiz dieser Verkostung aus. Alle Weine überzeugten auf ihre eigene Weise und bewegten sich auf einem hohen Niveau, ohne dass ein Wein objektiv „besser“ oder „schlechter“ gewesen wäre.

Rein sensorisch wurde das Kirchenstück von Von Winning von der Runde als besonders ausdrucksstark wahrgenommen und hob sich durch seine intensive Aromatik und Länge ab. Gleichzeitig zeigten die Weine von Eugen Müller und dem Forster Winzerverein, dass auch außerhalb des VDP spannende, eigenständige Interpretationen dieser renommierten Lage entstehen, die geschmacklich überzeugen und eine attraktive Alternative darstellen.

Insgesamt bestätigte der Abend eine zentrale Erkenntnis: Qualität, Stilistik und persönlicher Geschmack stehen im Vordergrund – unabhängig von Klassifikation oder Preis. Die Lage Kirchenstück bietet offensichtlich genügend Spielraum für unterschiedliche, gleichermaßen legitime Interpretationen, und genau darin liegt ihr besonderer Reiz.

Der 1975er Lynch Bages und der 2011er La Tour Blanche laufen an diesem Abend ausser Konkurrenz über unsere Knospen und sind am Ende eine (ent)spannende Abwechslung nach all den Riesligen.