Tuniberg - Florian Kuhn -  Okt 2025

Weingut No2 an diesem Samstag ist Florian Kuhn. Wir laufen wieder zu 9 Personen auf und werden von Florian am Tor erwartet. Es ist Samstagnachmittag und Florian Kuhn nimmt sich alle Zeit der Welt. 


Nach dem Mittagessen in Opfingen erwartet uns strömender Regen am Ortsrand von Munzingen am Tuniberg. Tuniberg ist DAS Ortskriterium schlechthin. Hier ist eben nicht mehr der Kaiserstuhl, auch wenn die Grenze der Region nur wenig Minuten entfernt liegt.  

 

Der Weinbau hat in der Familie eine lange Tradition. Mit dem Ausbau eigener Weine begann vor 8 Jahren jedoch erst Florian Kuhn, nachdem er seine Ausbildung zum Winzer und Weinbautechniker abgeschlossen hatte. Der Familienbetrieb wurde 1896 in Munzingen am Tuniberg, im Süden Freiburgs, gegründet und diente zunächst der Ziegelherstellung und Landwirtschaft. Nach dem Zweiten Weltkrieg begann der Ur-Ur-Großvater mit dem Weinbau für Genossenschaften. Heute bewirtschaftet Florian Kuhn knapp 7 Hektar Reben. Er betreibt naturnahen Weinanbau und testet auf ca einem Hektar das Potential weiterer Reben für seinen Betrieb. Kuhn ist Winzer aus Leidenschaft und Tüftler zugleich. Seine große Experimentierfreude lebt er in seinem Keller aus, was zu einem sehr breiten Sortiment und - wie wir später bei der Verkostung feststellen dürfen - zu absolut eigenständigen Weinen führt. Damit ist das Weingut Florian Kuhn ein krasser Gegenentwurf zum manch anderem Weingut vergleichbarer Größe.

2024 vom Gault Millau ausgezeichnet als Next Generation Winzer, seine Weine von Gault Millau, Falstaff (Bruno 2022 91Pkt, SB 2021 89Pkt) und der AWC Vienna (Ox 2020 Gold, Muskateller 2019 Gold) hoch bewertet, ist sein Weingut insbesondere in Deutschland immer noch ein Insider Tipp. 
Noch ….


Mehr Eigenmarketing könnte hier helfen, aber dafür bleibt Kuhn kaum Zeit. Neben der Arbeit auf dem eigenen Weingut arbeitet er hauptamtlich noch in einem anderen Betrieb am Tuniberg.

Seine Weine verkauft Florian Kuhn hauptsächlich an die Gastronomie und den Fachhandel. Der Export wächst aktuell Schritt für Schritt.

 

Die Weinprobe entpuppt sich als eine Reise in spannende, neue und tatsächlich zum Teil ungewöhnliche Geschmackserlebnisse, die wir so in Baden bzw am Tuniberg nicht erwartet hatten. Es wird keine „och-schon-wieder-ein-Spätburgunder“-Reise, sondern eine Reise zu fast vergessenen Reben (Müller-Thurgau), spannenden Cuveés und völlig überraschenden Schaumweinen. Aber der Reihe nach:

Blanc de Blanc, Chardonnay, brut nature, 2023 (16,5€)
Wir starten mit einer Mischung aus Blutorange & Grapefruit. Ein netter Auftakt mit einem netten Schaumwein. 8,0.

Weißburgunder, Kalk & Löss, 2023 (9,50€).
Der WB kann uns leider noch nicht so richtig abholen. Vielleicht liegt es aber einfach nur am kalten Herbsttag am Tuniberg. Uns fehlt es in diesem Moment an Struktur im Glas. 8,0.

Grauburgunder, Kalk & Löss, 2024 (9,50€).
Birne, Kamille und Vanille. Leicht nussig und cremig am Gaumen. Die Säure ist dezent im Hintergrund. Insgesamt ein wunderschön strukturierter und süffiger GB mit mild abgestimmter Säure. 9,2.

Sauvignon Blanc, Kalk & Löss, 2024 (12,50€).
Typische SB Grasnoten, gepaart mit Stachelbeere und Kiwi. Frische und lebendige Säure. 9,2.

Mit dem GB und dem SB hat die Probe jetzt unser Spaß Niveau erreicht. Das Wetter an diesem Samstag ist mehr als bescheiden. Es regnet ohne Pause weiter, wir stehen geschützt unter dem Vordach der denkmalgeschützten Lagerhalle. Es ist kalt. Und doch, die Laune der ganzen Gruppe steigt. Und mit dem nun folgenden ungewöhnlichen Wein wird sich die Laune noch weiter steigern:

Bruno, Müller Thurgau, 2023 (15€).
Das Etikett mit dem Abbild von seinem Großvater im Humphrey Bogart Style überrascht schon vor dem Weingenuss. Das ein Müller-Thurgau - eine in Deutschland eher unpopuläre Traube - der Star der Kuhn’schen Kollektion ist, überrascht erneut. Und im Glas überrascht uns alle dieser Wein noch mehr. Muskat und Apfel dominieren. Dazu dezente tropische Früchte und etwas Kokos. Der Wein hat eine spannende Würzigkeit, ist dabei cremig mit einem samtigen Mundgefühl. Grandios was Kuhn aus einem Müller-Thurgau rausholt.  9,6.

Frieda, Cuveé, 2023 (12€)
Die Cuveé aus Weissburgunder, Grauburgunder und Müller-Thurgau hat, insbesondere nach der Erfahrung mit Bruno, Potential.  Leider ist die Flasche schon eine Weile geöffnet und daher geschmacklich nicht mehr repräsentativ. n.a.

Gewürztraminer, 2023 (19,5€)
Geschmacklich kann der GT bei unserer kompletten Gruppe nicht so richtig punkten. 8,0.

Ox, Grauburgunder Orange, 2022 (19,5€)
Mit dem Ox kommt die nächste Überraschung auf uns zu. Die Überraschung der Weinprobe. Endlich mal ein sehr sauber verarbeiteter Orange Wein mit klarem Geschmacksprofil. Marzipan, Brot, Kräuter, Apfel. Sehr vielschichtig und frisch. 9,5.

 

Directors Cut, 2022 (24€)
Wir haben einen schönen Pinot im Glas, der für uns in Bezug auf Ausdruck und Vielschichtigkeit innerhalb der Gruppe deutscher Pinot Meister aktuell etwas hinten dran hängt. 9,0.

Cuveé Grande Dame Claire, 2022 (26€)
Die Cuveé aus Cab Sauv und Merlot ist bzgl. des Etikettes an Tante Claire angelehnt. Cassis, Pfeffer, Karamell, vollmundig und samtig. 9,5.

Black Betty, Syrah Sekt, 2021 (18€)
Der Schaumwein aus 100% Syrah ist ein fruchtig, spritziger Allrounder mit viel Roter Frucht, Amarena-Kirschen. Trocken ausgebaut wirkt er vollmundig und süffig. Optisch ein typischer Syrah mit tiefem dunkel Rot. Die Black Betty ist ein perfekter Begleiter zum Essen und wegen seines Trinkfluss aber auch ein toller Solist als Aperitif, oder frischer Zwischengang in einem Menü. 9,5.
 

All in all, überzeugen die Weine mit Tiefe, Komplexität und überraschenden Geschmacksmomenten, bei gleichzeitig hohem Trinkfluss. Grauburgunder, Sauvignon Blanc, Bruno, der Ox, die Grande Dame und natürlich die geniale Black Betty dürfen mit ins Gepäck !

Bei so viel Spaß im Glas sind wir sicher, dass Florian Kuhn als Gewinner aus der aktuellen Absatzkrise am deutschen und europäischen Weinmarkt herauskommen wird.