Föhrgenuss & Weingut Waalem - Mai  2026

Auf der fünftgrößten Insel Deutschlands gibt es fast 200 Kilometer Radwege und viele großartige Restaurants. Grund genug, nach 2022 ein zweites Mal nach Föhr zu reisen.

Mittwoch
Ankunft nach einer durchwachsenen Fahrt aus dem Ruhrgebiet: viel Regen unterwegs, erst hinter Hamburg klart es auf. Am Ende reicht es doch noch für ein erstes Willkommensgetränk im Strandkorb. Sofort sind die Erinnerungen an 2022 wieder da. 

 

Unser erstes Dinner genießen wir mit Meerblick im bi a wik. Friesentapas, Kabeljau und eine Flasche Binigrau Nounat 2025 sind der perfekte Einstieg in unser kulinarisches Wik-End.

 

Donnerstag
Ein sonniger, aber kalter Morgen empfängt uns. Wir starten zur 44 Kilometer langen Radtour rund um Föhr – mit sagenhaften 90 Metern Höhenunterschied. Das Wetter ist toll, doch es bleibt kalt und windig. Wie schon vor vier Jahren machen wir auf halber Strecke in Oldsum im Stellys Hüüs Pause – bei Kaffee, Kuchen, Suppe und Veltins.

 

Restaurant Klee
Am Abend gehen wir zum Dinner ins Restaurant Klee, das eher an ein Wohnzimmer als an ein klassisches Restaurant erinnert. Aus der kleinen Küche kommt ein geniales Menü, begleitet von der 2020 Cuvée Gaudenz vom Weingut Knipser – eine perfekte Wahl. Von außen wirkt das Lokal unscheinbar und ist in einem Wohngebiet versteckt. Innen sitzen wir fast im Wohnzimmer des Ehepaars Gaffron. Die beiden führen das kleine Restaurant allein: Er kocht, sie übernimmt Pass und Service. Das Menü begeistert uns so sehr, dass wir versuchen, für den nächsten Abend gleich noch einmal zu reservieren – leider vergeblich.

 

Freitag
Es ist stürmisch und kalt – mehr Herbst als Sommerauftakt. An Frühstück auf der windgeschützten Terrasse ist nicht zu denken. Kaum zu glauben, wenn man bedenkt, dass wir 2022 schon im April durchgängig draußen sitzen konnten. Wir bummeln durch Wyk, bis mittags der Regen einsetzt. Da der Rest des Tages bedeckt bleibt, beschließen wir spontan einen Besuch im Weingut Waalem.

 

Weingut Waalem
Bei windigem Wetter erreichen wir das Weingut. Waalem ist ein weiteres Beispiel für ein Projekt, das von einem finanzstarken Investor aus der Pharmaindustrie, 
Frederik Paulsen, gemeinsam mit dem Föhrer Landwirt Christian Roeloffs aufgebaut wurde. Dieses Modell ist uns bereits auf anderen Weingütern begegnet – etwa bei Castel Miquel oder Abadia Retuerta.
Weingüter hoch im Norden werden immer bekannter – auch, weil es stetig mehr werden. Ein Blick nach Dänemark zeigt das deutlich: Dort ist die Zahl der Weingüter in den vergangenen 25 Jahren von fast null auf 125 gestiegen. Ähnlich sieht es im Süden Englands mit rund 250 registrierten Weingütern aus; dort begann der moderne Weinbau bereits in den 1950er Jahren. Englands Süden liegt tatsächlich etwas südlicher als Föhr – sofern man hier überhaupt von „Süden“ sprechen kann. Seit Juni diesen Jahres erlaubt auch Schweden den Direktverkauf von im Land produzierten Weinen. Ein Weingut auf Föhr ist heute also deutlich weniger ungewöhnlich als noch vor einigen Jahren.


2018 gegründet, stehen die ersten Reben des Weinguts Waalem kaum 200 Meter von der Wasserkante entfernt. Nach rund neun Jahren wachsen die Reben heute auf etwa sechs Hektar und wurzeln im Schnitt fünf bis zehn Meter tief. So ist gewährleistet, dass die Wurzeln den Einfluss der Nordsee deutlich spüren.
Das Salz in Verbindung mit pilzresistenten Rebsorten sorgt vor allem bei den Weißweinen für spannende, frische Weine, auf die wir uns gerne einlassen. So ungewöhnlich wie der Reben Mix ist auch ihr Geschmacksbild. Besonders der Kuhl fasziniert uns, weil er mit einem neuen, ganz eigenen Profil auftritt und eine spürbare und willkommene Abwechslung zur klassischen Welt der Weißweine bietet.

 

Waalem Kuhl 2024 (18€)

Eine spannende Cuvée aus vier weißen PIWI-Rebsorten, die perfekt mit den Herausforderungen des Nordseeklimas harmonieren: Johanniter bringt eine elegante Riesling-Stilistik mit Noten von Apfel und frischer Zitrusfrucht ein. Solaris sorgt für hocharomatische, fast opulente tropische Facetten bei eher moderater Säure. Souvignier Gris steuert eine feine Gelbfruchtigkeit von reifer Birne bei, während Hibernal mit einer kühlen, straffen Sauvignon-Blanc-Stilistik sowie herben Zitrusnoten das Fundament festigt.
Durch die spürbare und gekonnt balancierte Restsüße präsentiert sich dieser vielschichtige
Weißwein ungemein frisch und fruchtbetont. Am Gaumen dominieren Aromen von Zitrus, Honigmelone und Ananas, elegant unterlegt von feinem Orangenabrieb. Dieses ungewöhnliche und eigenständige Geschmacksbild erzeugt im Zusammenspiel mit der lebendigen Frische einen enormen Trinkfluss. Für uns ist der Kuhl eine packende Alternative zu den bekannten Mustern der klassischen Weinwelt. Das raue Küstenklima, eine vitale Frische und die spürbare Mineralität zeigen eindrucksvoll, welches Potenzial in diesen „Salzwasser“-Weinen von der Insel steckt. 9,7.

 

Waalem Brut Nature, 2023 (34€)

Gekeltert aus der pilzwiderstandsfähigen Sorte Johanniter, zeigt dieser Insel-Sekt im Glas eine sehr präsente, lebendige Perlage. Trotz des unüberhörbar deutlichen Mousseux bleibt das Mundgefühl durchgehend von einer angenehmen Frische geprägt.
Geschmacklich präsentiert sich der Schaumwein ausgeprägt würzig, im Finale jedoch kompromisslos knochentrocken – ein extrem puristischer Stil, der polarisiert und sicher nicht jedermanns Favorit ist. Auch für unseren Geschmack ist er eine Spur zu trocken. Wer jedoch ultra-trockene, strukturfokussierte Schaumweine mit nordischer Kante sucht, findet hier einen handwerklich spannenden Charakter-Sekt. 9,2.

 

Waalem Fering Foomen, Rosé (15€)

Das „friesische Mädel“ (so die Übersetzung von Fering Foomen) präsentiert sich im Glas mit einer ansprechend kräftigen, einladenden Farbe. Geschmacklich kann der Rosé das Versprechen der optischen Tiefe jedoch leider nicht ganz einlösen. Die ambitionierte Cuvée – bestehend aus den klassischen Rebsorten Cabernet Sauvignon, Merlot, Spätburgunder, St. Laurent und Zweigelt sowie der PIWI-Sorte Pinotin – ist handwerklich sauber, zeigt für unseren Geschmack jedoch noch nicht ihr volles Potential. 

 

Waalem Fering Dringer, 2024(14€)

Der „friesische Junge“ (übersetzt Fering Dringer) präsentiert sich als weiße Cuvée aus einem spannenden Rebsorten-Spiegel: Hier treffen die klassischen Sorten Riesling, Müller-Thurgau und Sauvignon Blanc auf die aromatische Huxelrebe und den küstenerprobten Johanniter.
Im direkten Vergleich zum Rosé-Pendant zeigt sich dieser Weißwein spürbar ausdrucksstärker und lebendiger. Ein Wein mit markantem Nordsee-Charakter, der für uns durch seine herbe Frische und Kantigkeit etwas an Zugänglichkeit verliert.

 

Zum Abschluss der Verkostung verlassen wir das maritime Wattenmeer und blicken auf die Südhalbkugel. Da sich das raue, windgepeitschte Nordseeklima naturgemäß nicht für den Anbau anspruchsvoller roter Rebsorten eignet, nutzt das Weingut eine geschickte Verbindung im Hintergrund: Über die Eigentümerfamilie Paulsen besteht eine direkte Brücke zum südafrikanischen Uitkyk Estate im weltbekannten Anbaugebiet Stellenbosch. Unter dem Label „Friends of Waalem“ holt der Betrieb zwei rote Klassiker von dort ins Insel-Sortiment.

 

Friends of Waalem, Cab Sauv, 2023 (17€) & Friends of Waalem, Pinotage, 2023 (17€).

Geschmacklich und stilistisch präsentieren sich beide Roten sehr ähnlich und können uns noch nicht so ganz überzeugen. Hier warten wir auch gespannt auf die zuküftigen Jahrgänge von den sonnenverwöhnten Hängen Stellenbosch's. 

 

 

Dass auf Waalem nichts dem Zufall überlassen wird, zeigt die fundierte Expertise im Hintergrund. Mit dem Geisenheim-Studium von Lenz Roeloffs fließt tiefgehendes Fachwissen über den anspruchsvollen Cool-Climate-Weinbau und die Vinifizierung weißer PIWI-Sorten direkt in die Arbeit auf Föhr ein. Ergänzt wird dieser nordische Pioniergeist durch einen engen Austausch mit Winzerkollegen aus anderen kühlen Anbauregionen. Die eigentliche Besonderheit liegt jedoch im internationalen Netzwerk der Macher: Da Mehrheitseigner Frederik Paulsen auch das geschichtsträchtige georgische Spitzenweingut Chateau Mukhrani besitzt – geleitet vom renommierten Önologen Patrick Honnef –, laufen hier wertvolle Synergien zusammen. Dieses gebündelte Know-how aus der Familie Roeloffs, Paulsen und Honnef schafft ein einzigartiges Kompetenznetzwerk, um die Qualitäten auf allen Ebenen, ob auf Föhr oder im globalen Wissenstransfer bis nach Südafrika, konsequent weiterzuentwickeln.

 

Bis dahin widmen wir uns dem Kuhl und der Kuhl Reserve – unseren kleinen Souvenirs von der Insel, die wir zu Hause in Ruhe genießen werden.

 

Samstag
Viel Regen und viel Wind halten uns bis zum frühen Nachmittag im Haus. Gegen Mittag gönnen wir uns ein paar Oliven mit Brot und eine Flasche Waalem Kuhl 2024. Lecker.
Gegen 15 Uhr lässt der Regen nach, sodass wir doch noch eine kleine Runde mit dem Rad über die Insel drehen können. Gerade genug, um mit ordentlich Appetit ins einzige Sternerestaurant der Insel zu gehen.

 

Alt Wyk
Das Restaurant war uns von unserem Besuch vor vier Jahren als herausragend in Erinnerung geblieben – also mussten wir wieder hin.  Wir stellen unser Menü für den Abend so zusammen, dass wir zu zweit auf insgesamt acht Gänge kommen. Von Thunfisch in verschiedenen Texturen über Labskaus bis zum Rehrücken spannt sich ein weiter Genussbogen.
Auch diesmal ist das Menü wieder absolut phantastisch und seinen Stern mehr als wert. Im zweiten Gang lernen wir die Belper Knolle kennen, einen Rohmilchkäse aus Belp in der Schweiz. Gerieben kommt sie als würzige Zutat über das Tatar vom Galloway-Rind. Cremig-schmelzend, leicht säuerlich und mit dezentem Knoblaucharoma wird sie wie Trüffel über das Gericht gehobelt – das perfekte Finish auf der Ochsenschwanzessenz.
Besonders hervorzuheben ist die Weinbegleitung. Selten haben wir eine geschmacklich so präzise abgestimmte Weinreise erlebt. Jeder Bissen und jeder Schluck ergeben eine perfekte Aromenkombination – und das durchgängig auf höchstem Niveau über alle acht Gänge.
Menü, Weinbegleitung, Präsentation, friesisches Ambiente und perfekter, nahbarer Service machen den Abend zu einem rundum gelungenen Genusserlebnis.
Gegen Mitternacht hat der Regen aufgehört. Wir kommen trocken mit dem Rad zum Hotel zurück.

 

Sonntag
Fischmarkt in Wyk: 25 Stände, davon genau eine Fischbude. Nach einem kurzen Rundgang steigen wir wieder aufs Rad und fahren eine kleine Föhr-Runde mit dem Inselmuseum MKDW und einem Stück Käsekuchen im Stelly‘s Hüüs als Zwischenstopps. Insgesamt kommen heute nur 28 Kilometer mit der Nase im Wind zusammen.

 

Landliebe
Nach dem Alt Wyk – bis dahin dem einzigen und langjährigen Sternerestaurant auf Föhr – fahren wir mit vergleichsweise wenig Erwartungen zum Dinner in die Landliebe. Was soll da noch kommen?

Das Haus liegt außerhalb von Nieblum, hinter einem Bauernhof irgendwo auf dem Land: nicht zentral, weit weg vom Strand und fernab jedes Trubels. Auf unseren Radtouren sind wir wiederholt an der Landliebe vorbeigefahren – und waren skeptisch. So weit draußen: Welche Klientel verirrt sich für Fine Dining auf die Felder hinter Nieblum?
Beim Betreten des Gastraums sind wir überrascht: Der Laden ist bis auf den letzten Platz ausgebucht. Die ersten Wochen nach der Eröffnung im März dieses Jahres laufen offenbar hervorragend. Die eine oder andere Restaurantpleite auf Föhr mag dabei geholfen haben.
Entscheidend sind am Ende aber Qualität, Service und Ambiente. Schon nach dem Amuse und erst recht nach dem ersten Gang ist klar: Wir sind wieder ganz am Anfang dabei, wenn etwas Neues entsteht. Hier wächst ein neuer Genussstern heran – überraschend, anders, frisch und einfach sehr, sehr gut. Die Kritiker waren noch nicht da, doch der Laden ist bereits randvoll mit Gästen, Gastfreundschaft und verdammt gutem Essen.
Das Menü ist dank zweier Sterneköche – aus Berlin und aus der Traube Tonbach – grandios. Chichi auf das Nötigste reduziert, geschmacklich eine Wucht. So dauert es länger als üblich, bis wir nach vier Stunden glücklich und beseelt ins Bett fallen.
Zum Menü gönnen wir uns einen Paul Achs, Cuvee Gols, Reserve 2023. Der früher als Pannobile verkaufte Wein besteht zu 70 Prozent aus Blaufränkisch und zu 30 Prozent aus Zweigelt. Sofort werden Erinnerungen an unsere Burgenland-Tour im September 2018 wach. Ein perfekter Wein für diesen Abend – sowohl zum Schollenfiletröllchen im Baconmantel als auch zur rosa gebratenen Lammhüfte.
Und als wäre das nicht schon genug, fährt uns der Chef am Ende höchstpersönlich nach Hause. Ein Taxi hätte zu lange gedauert…

 

Das Klee steht für kreative Spannung, das Alt Wyk für herausragende kulinarische Dramaturgie, und die Landliebe überrascht mit Spitzenküche im Boutique-Setting – ruhig, persönlich und produktfokussiert.


Ein schöner Kurzurlaub geht zu Ende und verabschiedet uns am Montag mit Sonnenschein. Insgesamt war das Wetter durchwachsen. Trotzdem war es ein großartiger Urlaub – dank der idealen Kombination aus Radfahren und Genuss auf höchstem Niveau, gepaart mit der Bodenständigkeit der Insulaner und dem besonderen Flair der Insel.

 

Föhr - eine echte Genussinsel.